Und dann kam der Pole

Am 13.12.15 war ich mit Kollegen auf einer Weihnachtsparty im Dorf nebenan.

Muss es immer eine Vorgeschichte geben ? Der Pole und ich haben eigentlich keine, außer dass er mit auf dem Gut wohnt, sein Vater mein engster Vertrauter ist und er 20 Jahre jünger als ich. Mit seinen dunklen wilden Haaren, den grünen Augen und dem breiten Jokerlächeln ist er mir natürlich vorher aufgefallen aber die Polen sind scheu und unter sich, keiner weiß, wieviel deutsch sie wirklich verstehen, Anfang Herbst hatte er mit den anderen mein Klavier hochgetragen.

Am 13.12 wie gesagt die Christmasparty und ich hab Luis vergessen und Andrzej hinter dem Tresen. Ich tanze und trinke und fühle mich endlich wieder leicht. Und dann steht mein Pole da mit seinem Freund. Und wir treffen uns an dem Abend mehrmals in der Mitte und bald an einem gemeinsamen Tisch. Ihre Flasche Wodka, meine Flasche Whiskey. Ich sag zu ihnen “ schön aufpassen “ und sie sorgen dafür, dass mein Glas an diesem Abend nicht mehr leer wird. Und ich tanze und dann mit dem Polen und dann küsst er mich. Plötzlich küssen wir uns und wir hören den ganzen Abend nicht mehr auf damit. Küssen ist wunderschön. Irgendwann fragt uns jemand, ob wir kein Zuhause haben. Andrzej bringt uns nach Hause und er schläft bei mir und am nächsten Morgen denk ich an den staubigen Morgen mit Luis und hab Angst aber dann nimmt mich der Pole in die Arme und sagt “ guten Morgen “ .

Alles ist anders . Nichts fühlt sich komisch an . Nichts tut weh oder hat mehr Angst.

Es ist alles gut. Der Pole nimmt meine Hand während er mich ins Dorf zu meinem Auto fährt. Ich hab weiche Knie aber kein Gehirn.

Abends klingelt es um sieben an der Tür, das werde ich nie vergessen. Sieben Uhr und er steht an der Tür und sagt : „ich habe meine Jacke vergessen“

Und er sagt er muss mir etwas sagen und ich er muss mir nichts erklären, es ist alles gut und er nein er will mir etwas sagen und ich nein, nein alles gut wir waren betrunken und er das ist es nicht und ich sage nicht ? Und er nein und ich was denn und er sagt “ ich glaub ich liebe dich “

 

ich sage ich habe mich hals über kopf verliebt

er sagt, dass irritiert mich

und ich sage, mich auch

denn das, was ich ich empfinde ist ganz hohl, da ist ja gar nix drin ausser Projektion…mein Herz eingeschlossen in einem Luftschloss.

ich hätte mich auch in den Wind verlieben können

Dann wäre auch der Schmerz nicht wirklich  real,

und doch, das ist er – man kann ihn anfassen.

Erschaffe ich mir die Dämonen also selbst ? Zerstör ich mich selbst ?

Schwer

Mein Herz zerbricht . Ich fühle es.

Der Schmerz ist so gross, dass ich nicht mehr richtig atmen kann. nicht mehr schlafen. nicht mehr essen. Und auch nicht mehr denken.

Drinnen zerreisst alles, alles was da war, mühsam aufgebaut und erkämpft, alles eben noch neu und erstaunlich gut, zusammengefallen dort in sich zu einem bedeutungslosen Haufen.

Nichts . nichts

Nichts hat Wert, nichts ist so, wie es scheint, und trotzdem muss ich die verdammten Kerzen anzünden zum Advent, denn meiner Tochter kann ich nicht die Träume nehmen.

Alles wird gut, mein Schatz, sage ich ihr, alles wied gut, hier nimm den Strohstern und hänge ihn dorthin.mama warum weinst du dann ? Ich bin nur müde, mein Schatz. Ich glaub ich leg mich schlafen.

Nichts ist gut und nichts wird je gut sein, nichts ist von Bedeutung, selbst der Schmerz nicht. All der Schmerz. All das Schwarz. All die Hoffnung die sich nie nie nie erfüllten und nie erfüllen werden, all das hoffen und warten und kämpfen und dieser eine Wunsch nach Geborgenheit. Irgendwann wird alles zu Staub. Alles Leben davor und danach. Erinnerungen im Nichts.

Ich möchte nicht mehr. Ich möchte nicht mehr. Ich möchte nicht mehr

 

es hat so viel Karft gekostet wieder aufzustehen und ich kann das nicht nochmal. Ich kann das nicht nochmal.

Sonntag

Sind es die Orte, die uns verzaubern oder verzaubern wir die Orte

?

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Ich frag mich das wirklich. Gestern war fürchterliches Wetter, ich hatte gar kein Lust auf das Treffen und trug Gummistiefel. Wir haben uns am Altona Bahnhof getroffen, er stieg zu mir tropfend ins Auto und ich sagte wir können auch gleich hier beim Türken n Kafffee trinken und er wollte nicht, wollte, ganz klar, dass ich losfahre Richtung Wedel und dann bin ich losgefahren und er erzählt von den Oliven und das die jetzt in Salzwasser eingelegt sind und dass das jetzt ein halbes Jahr dauert und das manche weiße Maden haben und man den Einstich von außen sehen kann. Und dann sind wir in Blankenese an den Treppen und ich parke und wir laufen durch die kleinen Gassen und die Treppen runter und über allem liegt ein atemloser Zauber.

Ich glaub es war die schönste Verabredung, die ich je in meinem Leben hatte.

Die tausend Stufen führten uns runter zu Elbe, alles war ganz grau, der Himmel, das Wasser, der Nebel, alles grau und wir kamen direkt an einem weißen Hotel vorbei, Jugendstil, Stuck, und eigentlich viel zu schick aber wir guckten durch die Tür und fragten, ob wir auch einfach nur einen Kaffee trinken dürfen und die blonde Frau lachte und sagte na klar und dann bestellten wir Kaffee und auch noch italienischen Kuchen, ich eine Art Schokoladen- Torte und er eine Art Schokoladen- Mousse -Torte.

und er fragte mich ob ich mal probieren möchte und so tauschten wir die Teller und irgendwann standen sie nebeneinander in der Mitte

und er erzählte von seinem Telefon und wie es nicht mehr anging und die Telefonnummern weg, die Telefonnummern mit Bleistift im Notizuheft nur bis D, davon wie er davor schon mal im Handy Laden war und vorne das Display austauschen lassen wollte und stattdessen ein anderer Akku eingebaut wurde, und ich lache und sage, das ist wie im Witzfilm, und er sagt ja wirklich

er erzählt von seiner Zugfahrt von China nach Moskau und wie er in der Mongolei ausstieg und er mit andern Backpackern einen Jeep mietete und durch die Wüste fuhr und da war mitten drin plötzlich eine Stadt.

und wir reden über Sternzeichen, er sagt er kenne sich nicht aus, sagt zu Fisch passt glaub ich nur Fisch und ich sage mein Aszendent ist Fisch und da guckt er ganz groß und da sagt er seiner sei Widder und ich guck nun ihn erstaunt an, daß er das überhaupt weiß und diese Konstellation, denn er trägt ebenso wie ich Feuer und Wasser in sich, die gleichen inneren Konflikt, die gleichen schwierigen Sterne…wie ich mit Schütze Aszendent Fisch … bloss umgedreht.

Als wären wir spiegelverkehrt.

Und ich erzähle davon, wie ich aufs Dorf gezogen bin und er fragt warum ich das überhaupt gemacht habe und ich sage, weil ich mich geschämt habe und war so ehrlich dabei und damit.

Dann trank ich Tee und er weiter Kaffee und er erzählt mir von Lady Grey und das da Zitrone mit drin sei und nicht nur Bergamotte wie im Earl Grey,und das er für mich während ich auf Toilette war, darjeeling ausgesucht hat, ich kipp Milch dazu und braunen Zucker

und irgendwann stehen wir auf und gehen hinaus und es nieselt aber es ist so stimmungsvoll und er sagt“ ist das schön und ich sage ja, es ist so atmosphärisch, und wir gehen am Strand spazieren und ich mit dem Regenschirm von Jil der für uns beide zu klein ist und ich sage, würd ich den Regenschirm in einem anderen Winkel halten würd ich vielleicht damit wegfliegen und er lacht und er sagt er hatte  zwei Regenschirme , was mit dem ersten passiert ist hab ich vergessen aber der zweite, den hat er weggeschmissen und ich frage ob er denn kaputt gewesen sei und er sagt nein, der war von einer Bekannten die hat ihn so genervt, dass er den Regenschirm weggeschmissen hat, außerdem sei es ein Knirps gewesen und ich lache und sage Knirps, allein der Name

wir husten beide zur gleichen Zeit und wir denken beide an ein Ufo, als wir diesen seltsamen Leuchtturm angucken und dann sagen wir es auch noch gleichzeitig.

wir laufen und dann kommen wir an einem anderen Hotel vorbei und da sagt er: da können wir das nächste mal Kaffee trinken und ich sage nichts, ich freu mich aber sage einfach nichts, denn wer weiß es schon genau

wir müssen zurück …… Die Treppen wieder rauf… Suchen das Auto und finden es viel zu schnell, wir verfahren uns und er bleibt ganz ruhig und ich werd ganz ruhig dadurch und dann finden wir viel zu schnell den richtigen Weg.

Er drückt mich beim Abschied und sagt nochmal wie schön es war.

und das wir in Kontakt bleiben und ich sag ja klar.

……..

Ich habe ihm keine einzige meiner Fragen gestellt, es war einfach plötzlich nicht mehr wichtig.

Dieser Tag war so sehr schön, so schön, all die Bilder in meinem Kopf, mit denen ich beschenkt wurde, ..ich war mir all der Vollkommenheit ganz bewusst, ich konnte gar nicht glauben was da gerad wieder passierte, das Leben hat mich geküsst, tausend wunderbare Augenblicke

er hat so wahnsinnig gut gerochen …… Oh Gott…

und er wurd immer wieder still und hat mir in die Augen geschaut. Viel zu lange, viel viel zu lange, viel viel viel viel viel viel zu lang, und dann hat er meinen Blick noch immer nicht losgelassen und ich dachte ich hab noch nie jemandem SO in die Augen geschaut und ich muss weggucken, kann seinem Blick nicht mehr standhalten weil ich sonst versinke. In diesen dunklen Bernsteinaugen. Ich find doch nie wieder raus. Und warum macht er das?

Vielleicht, weil er mich nicht einschätzen konnte. Ich war so ruhig und ganz bei mir und vielleicht hat er mir das nicht glauben wollen, weil ich doch nach der Nacht so traurig war und verliebt irgendwie, vielleicht mag er auch einfach nur meine Augen. Oder das ist eine Masche. Ich hab keine Ahnung und ehrlich gesagt möchte ich da auch nicht drüber nachdenken. So wie es war, war es perfekt.

Ich könnte ihn stundenlang ansehen. Stundenlang. Zusehen. Stundenlang. Zuhören. Stundenlang Riechen.

Und so soll der Tag bleiben, wie ein Kunstwerk

ein Stillleben

Ein Mann und eine Frau im Nebel

an irgendeinem Sonntag

inmitten von

den Treppen, dem Hotel, dem Strand,

und einem Regenschirm